Strategien gegen Prokrastination: Akzeptanz

Ja, ich habe das Schreiben dieses Artikels vor mir hergeschoben. Meine Deadline für die Veröffentlichung des wöchentlichen Artikels wäre eigentlich der – willkürlich gewählte – Montagabend. Doch irgendwie war es mir bisher zu mühsam, hinzusitzen und zu schreiben. Ich habe also prokrastiniert.

Ein tolles Fachwort: Prokrastination

Prokrastination ist der Fachbegriff für das Aufschiebeverhalten und stammt vom lateinischen Wort procrastinatio, „Vertagung“ (Zusammensetzung aus pro „für“ und cras „morgen“). Das Aufschieben kann viele Gründe haben, meist spielen jedoch als unangenehm empfundene Gefühle wie Unlust und Angst oder der Hang zum Perfektionismus eine Rolle.

Meine Erfahrung mit dem Aufschieben

Persönlich leide ich schon Jahre unter dem schlechten Gewissen, die das Aufschieben von wichtigen Aufgaben zwangsläufig mit sich bringt. Ich lag viele Nächte wach mit einem Druckgefühl im Bauch und der kreischenden Stimme im Kopf: „Du hättest heute lernen sollen!“ oder „Du hast heute schon wieder einen ganzen Tag verplempert, statt an der aktuellen schriftlichen Arbeit zu schreiben!“. Während meiner ganzen Studienzeit lebte ich die meiste Zeit des Jahres mit dem Gefühl, eigentlich mehr machen zu müssen: Mehr lernen, mehr recherchieren, mehr lesen, mehr schreiben. Dass diese Selbstbeschimpfung nicht gut fürs Selbstbewusstsein ist, kann man sich denken. Aus dieser Erfahrung heraus beschäftige ich mich schon lange mit Strategien, wie man mit Aufschiebeverhalten umgehen kann.

Eine Methode: Akzeptanz

Eine der für mich hilfreichsten Methoden schlug mir ein Berater des Psychologischen Dienstes der Universität Zürich vor, als ich völlig verzweifelt wegen meinem Aufschiebeverhalten dort vorsprach. Er riet mir zur Akzeptanz meines Aufschiebeverhaltens. Prokrastination hat viele Nachteile: Ständiges Nachdenken über die aufgeschobene Aufgabe, Schuldgefühle, Wut auf sich selbst, Einschlafprobleme und vieles mehr. Es lassen sich aber auch Vorteile finden: Eine saubere Wohnung, erledigte andere unliebsame Aufgaben, das Vermeiden von unangenehmen Gefühlen und anderes. Ausserdem führt das Aufschieben unweigerlich zu mehr Druck, wenn sich die Deadline nähert. Der Berater öffnete mir die Augen dafür, dass ich einen gewissen Druck benötige, um wirklich produktiv und konzentriert arbeiten zu können. Meine schriftlichen Arbeiten zu schreiben war wahrlich kein Vergnügen. Vorträge hielt ich am liebsten als Einzelperson, da ich so die Vorbereitung bis zum Abend vor dem Referat herauszögern könnte. Dennoch wurde ich immer zur Abgabezeit fertig und erhielt in der Regel auch gute Noten. Die ständigen Schuldgefühle waren also unnötig. Stattdessen akzeptierte ich mein Aufschiebeverhalten und begann realistischte Zeitpläne zu erstellen, die nur minimale Pufferzeiten enthielten.

Der Tipp

Akzeptiere dein Aufschiebeverhalten. Begrabe das ständige schlechte Gewissen und akzeptiere stattdessen, dass du manche Aufgaben nun mal in letzter Minute erledigst. Dass du dann vielleicht eine Nachtschicht (oder zwei, oder drei) einlegen musst, aber eben auch von viel Energie profitieren kannst. Erstelle einen realistischen Zeitplan mit minimalen Pufferzeiten, statt grosszügig über Monate zu planen. Vergiss die Pufferzeiten aber nicht, es kann immer Druckertinte ausgehen oder der Computer aussteigen.

Wer diesen Tipp besser ignoriert

Dieser Tipp richtet sich natürlich nur an Menschen, die in der Vergangenheit bereits Erfolg trotz Aufschieben hatten. Wer wichtige Deadlines verpasste oder schlechte Noten erhalten hat, sollte sich dieses Blog bookmarken, es werden nämlich noch viele weitere Strategien für den Umgang mit Prokrastination folgen. Assessmentstudierende und andere, die viel Stoff lernen müssen, sollten sich ebenfalls nach weiteren Strategien umsehen. Unser Gehirn benötigt in der Regel Zeit und Wiederholung, um neues Wissen zu integrieren. Auch dazu wird es noch den einen oder anderen Artikel geben.