Sieben Deos gegen stinkende Literaturrecherche

Schon seit Tagen lässt dich der unangenehmen Gedanke nicht in Ruhe, dass du endlich Literatur für deine Bachelor- oder Masterarbeit recherchieren solltest. Heute setzt du dich an den Computer und beginnst. Aber schon nach wenigen Minuten kannst du nur noch an eines denken: „Das stinkt mir.“ Tage später hast du doch einige Artikel ausgewählt und ausgedruckt. Marker und Kugelschreiber liegen bereit, doch schon beim zweiten Abschnitt stöhnst du: „Das stinkt mir.“ Oder du hast endlich SPSS geöffnet, um mit der statistischen Auswertung zu beginnen. Aber als du die vielen Zahlen im Output siehst, die du nun interpretieren sollst, schreit den Gehirn nur: „Das stinkt mir!“
Wie können wir trotz dieses Widerwillens weitermachen?

Es war sicher etwas gewagt, mich kurzerhand zur Expertin für Lern- und Selbstmanagementstrategien fürs Psychologiestudium an der UZH zu ernennen. Nun fordern mich die Psychologiestudierenden aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis natürlich mit anspruchsvollen Fragen heraus. Die aktuelle kam von einer Studentin, die gerade die Recherche für ihre Bachelorarbeit machen sollte. Sollte, weil kaum merkt sie es wird anstrengend, stinkt ihr die Arbeit und sie würde lieber etwas anderes machen. Meist überwindet sie sich trotzdem, aber das braucht viel Willenskraft. Weil sie ihren Widerwillen so schön als „Mir schtinkts!“ bezeichnet hat, nahm ich das für diesen Artikel auf. Ihre Frage war also, was sie tun kann gegen diesen Widerwillen und wie ihr diese unangenehmen Aufgaben leichter fallen.

Meine Literaturrecherchen

Ich kann mich noch sehr gut an meine eigenen Literaturrecherchen für Bachelor- und Masterarbeit erinnern. Ich hatte sie erst mal tage- oder gar wochenlang vor mir hergeschoben. Immer wenn ich es endlich angehen wollte, fühlte ich mich plötzlich zu müde, zu wenig konzentriert, zu wenig klar im Kopf. Und als ich endlich den VPN gestartet und die Datenbanken aufgerufen hatte, war ich schon nach kurzer Zeit von den vielen Treffern erschlagen. Und auch das Lesen der Texte stank mir schon nach dem zweiten Absatz.

Was passiert, wenn uns die Literaturrecherche stinkt?

Bewusst oder unbewusst machen wir uns von allen unseren Tätigkeiten Bilder. Wenn ich selbst mich an eine Literaturrecherche setze, habe ich ungefähr folgenden Film im Kopf: Ich weiss irgendwie gar nicht so genau, was das Thema ist. Es fühlt sich an, als wäre da eine kleine Nebelwolke, in der irgendwo meine Fragestellung steckt. Ich weiss, die Fragestellung ist eigentlich klar umrissen und präzise formuliert, nur kann ich sie wegen der Nebelwolke nicht sehen. Also beginne ich mti der Recherche. Erst einmal durchsuche ich die Datenbanken nach irgendwelchen Suchwörtern, die möglichst nahe am Thema sind. Und meistens nicht viele Treffer bringen. Dann versuche ich , weitere Suchwörter zu finden. Dabei erwische ich ein beliebtes Suchwort und habe plötzlich hunderte von Treffern. Während ich durch die Liste scrolle, beginne ich mir vorzustellen, wie ich alle diese Artikel oder Bücher lesen muss. Weil ich das immer so gut wie möglich machen will, empfinde ich das Lesen von Fachartikeln trotz guter Englischkenntnisse als total mühsam. Und jetzt kommen da so viele auf mich zu! Wie soll ich das nur schaffen? Mir stinkts, ich will was anderes machen!

Deo gegen den Gestank: Denken

Die traurige Nachricht: Solche „Mir stinkts“-Momente wird es immer wieder geben. Ich erlebe sie bei meiner Arbeit als Webdesignerin, wenn ich mich mit „Lernen mit Nic“ beschäftige, ja selbst bei Hobbys empfinde ich manchmal starken Widerwillen. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann:

  1. Die Aufgabe aufschieben und stattdessen etwas anderes tun. Nachteil: Die Aufgabe muss weiterhin erledigt werden.
  2. Sich etwas Zeit nehmen, um über die Situation nachzudenken.

Ich werde am Beispiel meiner Geschichte ein paar Ansatzpunkte für deine eigenen Überlegungen aufzeigen. Mir ist klar, dass nicht jede und jeder die gleichen Probleme hat wie ich. Und nicht jede Methode funktioniert bei jedem gleich, manchmal muss man sie auch kombinieren. Ich habe mich jedoch bemüht, sehr unterschiedliche Lösungsansätze zusammen zu stellen. Es ist also hoffentlich auch etwas für dich dabei.

Das erste Deo: Akzeptanz

Das Thema einer wissenschaftlichen Arbeit ist am Anfang immer schwammig. Solange ich mich noch nicht in die Theorie(en) eingelesen habe, kann ich es nicht wirklich einordnen. Solange ich nicht mehr über das Thema weiss, kann ich es auch nicht eingrenzen, also sagen: „Dieser Teil, diese Fragestellung interessiert mich.“

Während ich dasitze und es mir stinkt, erinnere ich mich immer an zwei Gespräche: Eine Doktorandin hat mir mal erklärt, ein veröffentlichter Fachartikel umfasst 15 – 30 Seiten, und man muss für die kurze Zusammenfassung der Theorie um die 200 Bücher und Artikel lesen. Ausserdem sagte ein Dozent aus meinem Nebenfach Kunstgeschichte einst zu mir: „Nicole, you need time to read… and you need time to think!“ Ich muss also akzeptieren, dass die Einarbeitung in ein neues Themengebiet unangenehm, anstrengend und langwierig ist. Und weil ich das nicht ändern kann, versuche ich dieses „Mir stinkts“-Gefühl zwar wahrzunehmen, ihm aber keine grosse Beachtung zu schenken. Stattdessen verändere ich bewusst meine Haltung zur Literaturrecherche. Ich starre auf den Bildschirm und denke mir: „Okay, lass uns mal sehen, was zu meinem Thema so geschrieben wurde. Da ist sicher etwas Spannendes dabei.“

Ich nenne diese Technik für mich auch die „Sober up„-Methode. Anfangs bin ich jeweils in diesem Widerwillen gefangen, alles ist beschwerlich und mühsam und die ganze Welt und insbesondere die Professoren sind alle böse und wollen mir das Leben schwer machen. Durch die bewusstet Akzeptanz meiner negativen Gefühle und die Anerkennung, dass ich mich in einer schwierigen Phase der Arbeit befinde, werde ich wieder nüchtern, befreie mich von den negativen Gefühlen und stelle mich der Realität. Interessanterweise ist die meist nicht annähernd so schlimm, wie mein Gefühl mir das weiszumachen versuchte.

Das zweite Deo: Liebe Menschen

Manchmal gelingt es mir nicht, mich aus den negativen Gefühlen zu befreien und eine neugierige Haltung einzunehmen. Dann rufe ich jemanden aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis an und erzähle von meinem Thema. Wenn mir die Person am anderen Ende des Telefons dann Fragen stellt, werde ich selbst neugierig. Ich kann auch etwas herumspinnen und unbeschwert ein paar Gedanken zum Thema äussern. Meist fallen mir so noch weitere gute Suchwörter ein.

Das dritte Deo: Ein Plan

Man sollte niemals die Macht von Deadlines oder sozialer Verpflichtung unterschätzen! Wenn klar ist, dass ich meinen Theorieteil in einer Woche meiner Betreuerin zeigen muss, arbeitet es sich plötzlich viel produktiver. In dieser Phase empfinde ich auch weniger Widerwillen gegen die Arbeit, weil ich weiss, ich muss es jetzt einfach machen. Wenn die Deadline aber noch sehr weit entfernt ist, muss ich einen persönlichen Plan machen. Ich erzähle dann meist jemandem von meinem Zeitplan und bitte die Person, sich nach meinen Fortschritten zu erkundigen. Durch dieses öffentliche Committment fühle ich mich eher verpflichtet, meinen eigenen Plan einzuhalten.

Mein Plan umfasst auch , die sehr unangenehmen Arbeiten morgens gleich als erstes zu erledigen. Mein Morgenkaffee ist mir heilig, es kommt aber tatsächlich vor, dass ich mich bei sehr unangenehmen Aufgaben sofort nach dem Aufstehen, noch in Pyjama und ohne Kaffee, vor den Computer setze und die „Mir stinkts“-Sache endlich erledige.

To-do-Listen mit extrem vielen feinen Unterpunkten erweisen sich ebenfalls als sehr nützlich. Ich schreibe mir dann einfach auf:

  • 5 Artikel raussuchen
  • 5 Artikel raussuchen
  • 5 Artikel raussuchen

Jedesmal wenn ich fünf Artikel zusammen habe, kann ich einen Punkt durchstreichen, was eine tolle kleine Belohnung ist. Das mag jetzt banal tönen, aber probier das doch einfach mal aus!

Das vierte Deo: Etwas weniger Perfektionismus, bitte!

Bei meiner Abneigung gegen das wissenschaftliche Lesen wird mein Perfektionismusanspruch gut sichtbar. Mein Kopf sagt: Wenn ich den Artikel nicht richtig lese, also wichtige Stellen vierfarbig markiere und Notizen hinschreibe, kann ich es gleich sein lassen. Stimmt? Nein!

Seit ich mir selbst erlaube, wissenschaftliche Texte einfach zum Vergnügen zu lesen, macht mir diese Tätigkeit auch viel mehr Spass. Für die schriftliche Arbeit werde ich die Texte sowieso noch mehrmals lesen müssen, also warum sollte ich mir das erste Mal durch einen überzogenen Perfektionsanspruch vermiesen? Allenfalls markiere ich eine Stelle, die für die Arbeit wichtig sein könnte, aber grundsätzlich liegt der Marker beim ersten Durchgang ausser Reichweite.

Das fünfte Deo: Eine gute Lesestrategie

Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass es für die Recherche von Artikeln reicht, das Abstract genau zu lesen und die Diskussion zu überfliegen. In der Diskussion sind die wichtigsten Informationen aus den vorangegangenen Kapiteln nochmal zusammengefasst. Für Bücher muss ich allenfalls in die Bibliothek, wo ich mir die Inhaltsverzeichnisse ansehe und im Buch blättere.

Viele Kolleginnen schimpfen auf APA, doch diese standardisierte Formatierung hat grosse Vorteile. Da man die Gliederung der Artikel kennt, findet man sich schnell zurecht. Du weisst sicher, dass der kleine Text am Anfang das Abstract ist und die Diskussion sich am Schluss befindet. In den Theorieteilen der Artikel finden sich auch die Hinweise auf die relevante Literatur im Forschungsbereich. Durch die Quellenangabe mit Name und Jahr prägen sich einem automatisch die wichtigen Namen ein. Wer in den Theorieteilen von vier Artikeln „McClelland et al., 1953“ gelesen hat,  sollte sich dieses Buch vielleicht mal aus dem Literaturverzeichnis heraussuchen und bei der Bibliothek ausleihen. Möglicherweise ist es eine wichtige Quelle für den eigenen Theorieteil.

Der sechste Deo: Erst mal was anderes machen

Die Arbeit durch Ablenkung aufzuschieben scheint auf den ersten Blick nicht die beste Strategie zu sein. Wenn noch keine Deadline in Sicht ist, die zum Recherchieren motiviert, kann man sich mit anderen Aufgaben wunderbar selbst überlisten. Jeder von uns hat Pfichten, vor denen er sich gerne drückt. Ich räume zum Beispiel die saubere Geschirrmaschine nicht gerne aus, kann den Müll runterbringen nicht ausstehen und mag es nicht, Altpapier zu bündeln. Diese ungeliebten Tätigkeiten sind aber plötzlich sehr viel attraktiver, wenn ich sie mit der Literaturrecherche vergleiche. Also erledige ich die eine oder andere Aufgabe. Anschliessend bin ich so stolz auf mich, dass ich gut gelaunt wieder vor den Computer sitze und doch noch mit der Recherche beginne.

Der siebte Deo: Trenne Recherche und Lesen

Recherchieren ist anstrengend. Mir schwirrt immer schon nach kurzer Zeit der Kopf von all den Informationen. Lange hatte ich den Anspruch an mich selbst, gleich nach der Recherche mit dem Lesen der Artikel zu beginnen. Aber mein Gehirn war schon so voll, dass gar nichts mehr reinging. Ich machte eine Fehlattribution, indem ich annahm, die Artikel seien so kompliziert. Dabei benötigte mein Gehirn nur eine Pause. Seit mir das bewusst wurde, trenne ich Recherchieren und Lesen. Im besten Fall durch einen Tag, wenn es dringend ist mit einer langen Pause.

Rosenduftende statt stinkende Literaturrecherche?

Es gibt sicher Leute, denen die Literaturrecherche leicht fällt und total viel Spass macht. Falls du nicht zu diesen glücklichen Menschen gehörst, haben dir meine „Deo“-Vorschläge hoffentlich die eine oder andere hilfreiche Anregung gegeben. Wenn du auch eine tolle Strategie hast, teile sie doch, indem du sie in den Kommentaren kurz erklärst.

Gutes Recherchieren!


Zum weiterhören und weiterlesen:

In meinem Lieblingspodcast von NLP-fresh-up diskutierten Wiebke, Stefanie und Marc über Aufschieberitis und schlagen einige ähnliche Strategien vor:

Zur Folge: http://podster.de/episode/2567499

Die offizielle Podcastseite: http://www.fresh-academy.de/nlp/nlp-news-nlp-podcast/nlp-podcast-aktuell/

Auch die „Top-Aufgabe des Tages“ von Ivan Blatter ist eine sinnvolle Strategie, mit dem negativen Gefühl umzugehen:

Zur Folge: http://ivanblatter.com/058-top-aufgabe/

Markus Cerenak verrät 18 Tipps, was du sofort gegen das Aufschieben tun kannst:

Zum Beitrag: http://www.markuscerenak.com/18-tipps-gegen-das-aufschieben.html


Kennst du weitere Deos, um den stinkenden Geruch der Literaturarbeit zu vertreiben? Oder hast du auch ein Lern- oder Selbstmanagementproblem? Ich freue mich über alle Anregungen und Fragen und gehe per Mail oder Blog gerne darauf ein.